Mittwoch, 15. Juli 2015

Helgoland Exkursion 2015, Inseltag 3: Düne, die Wüsteninsel

Kegelrobben Helgoland Düne

28.März
Der Wecker klingelt um 4:30. Ich habe einen Schultermuskelkater, dessen Herkunft ich mir nicht erklären kann sowie leichte Kopfschmerzen. Letztere haben jegliche Erinnerung, dass ich mir am Vorabend extra die Kameraausrüstung mit ins Zimmer genommen habe, um endlich morgens Fotos zu machen, verdrängt.

Jule zieht also ohne mich los und ich schlafe weiter bis 7:00 Uhr. Bett-naus. Weil ich dann auch noch schnell dusche, komme ich etwas verspätet zum Frühstück.
Dort meldet mir Ferdi, er hätte aufgrund meiner Verspätung bereits meine Brötchenration selbst fachgemäß verwertet.

Tinschä hat immer noch Kopfaua und verfällt daher in vom Vater vererbte Trotzmuster: Sie schaut gar nicht erst nach, ob das mit den Brötchen stimmt und mischt sich stattdessen ein Müsli. Wahrscheinlich murmelt sie noch ein “Rutsch mir doch den Buckel runter” in ihren nicht vorhandenen Bart und schreibt später in ihr Tagebuch, dass sie sowieso Lust auf Müsli gehabt hätte. Wer’s glaubt!

Heute soll es auf die Düne gehen – immer noch im Trotzmodus guckt Tinschä weiterhin nicht nach, ob es für sie noch Brötchen gibt und nimmt sich stattdessen zwei ultra nahrhafte Äpfel mit, das wird schon bis zum Abendessen in der Jugendherberge reichen!

Kegelrobben Helgoland Düne

Bis es Zeit ist, zum Labor und dann zur Dünenfähre zu stiefeln, schreibe ich diverse mehr oder weniger abstruse Postkarten. Einmal schwärme von meinem Strandurlaub bei einer angenehmen Wassertemperatur von knapp 4°C und dem Wind, der einen mit 90 km/h aufwärts streichelt während man sich in der herrlichen Bewölkung sonnt. Auf einer anderen gebe ich mich als Basstölpeldame aus und freue mich über meine bald schlüpfende Brut und dass mein Gatte Ferdi mich bestens mit Nistmaterial versorgt.

Auf der Dünenfähre bekommen wir einen Außenplatz, weswegen es mir dort ausnahmsweise mal nicht schlecht wird. Ich unterhalte mich angeregt mit Eilika über Festivals, die ich seit bald zwei Jahren aus zeitlichen Gründen nicht mehr besuchen kann und erfahre von Ingrid, dass Wolfgang traurig ist, dass er wegen der ollen Grippe nicht mitfahren darf.

Steinwälzer (links), Meerstrandläufer (rechts)

Jule und ich gehen auf der Düne links rum und finden auf einem Felsen vor der Mole Steinwälzer und Meerstrandläufer. Am Strand liegen wie immer mindestens um die 100 sehr fotogene Kegelrobben herum. Wie schon zwei Jahre zuvor, befindet sich auch wieder eine sehr seltsame, neonorange Robbe darunter, deren Kopf eher zylindrisch verläuft.

neonorange Robbe

Bild: Neonfarbene Robbe in S-förmiger Pose, der Kopf ist bis auf Bauchhöhe heruntergebogen

Die jungen Kegelrobben führen bei dem angenehmen Faulenz-Wetter beeindruckende Schein-Kämpfe auf, die ich in einem Video dokumentiere:

Ein Hauptteil unserer Blicke gilt aber nicht nur den lebendigen Tieren am Strand, sondern auch den Lebewesen, die vor etwa 65 Millionen Jahren zur Kreidezeit hier im Meer gelebt haben. Die Düne, wenn auch seit dem dritten Reich hauptsächlich aufgeschüttet, hat einen Muschelkalk-Sockel, der allein schon für seinen Fossilreichtum bekannt ist. Der Meeresgrund ist dann auch noch Kreide und so werden bei jedem Sturm neue Bruchstück Kreide mit Feuersteineinschlüssen an den Strand gespült. Wer Glück hat, findet ein Lebewesen, das damals von weichem Kreide-Sediment umspült wurde, welches fest wurde und einen Hohlraum hinterließ. In diesen Hohlraum flossen Kieselalgen ein, die sich über die Jahrmillionen zu Feuerstein verfestigten und nun den Abdruck des Tieres wiedergeben.

Wir, also jetzt Jule, Dani und ich, haben ewig kein Glück. Doch dann: Jule freut sich! Jule findet einen Donnerkeil. Jule zerdonnert den Keil. Jule freut sich nicht mehr. Dafür freut sich Tinschä, denn die findet auch diese Jahr wieder an der Aade den Gemeinen Strandlauch.

Gemeiner Strandlauch Allium arenaria

Donnerkeile sind die hier auffindbaren Überreste von Belemniten, den auseinandergezogenen Cephalopoden-Verwandten der bekannteren Ammoniten.
Ich finde weiterhin weder “Donnerkeile” noch Seeigel, die hier ja so oft rumliegen sollen aber mir nie unter die Augen gekommen sind. Recht hoffnungslos nehme ich trotzdem ein rundes Steinchen mit einer seltsamen Struktur mit. Wer weiß.
Achja: Irgendwo auf der Düne müssten sich genau in diesem Moment zwei Verrückte in Neoprenanzügen in die Fluten werfen um mit den Robben zu schwimmen…

Rock die Düne

Endlich erreichen wir das Dünencafé. Jule möchte eigentlich noch länger draußen bleiben, doch wird sie von uns überstimmt. Die Flagge des Dünencafés ziert ein “Rock’n’Roll”, dieser ‘Spirit’ geht sofort in Dani über und äußert sich in einem lauten Aufstoßen, wie das unter Rockern so üblich ist. Schuld bekommt natürlich wieder der Wurm.

Drinnen gibt es endlich unseren heiß ersehnten Sanddorngrog und für Dani einen heißen Holundersaft. Zu mampfen bestelle ich einen Apfelstrudel mit Vanillesoße, den anderen beiden ist deftiger zumute: Dani bestellt Erbsensuppe mit Würstchen und Jule gar – man höre und sabbere – eine sensationelle Kniepersuppe mit Cognac und Sahnehäubchen.

Mit Sarah, Sandra und Eilika kommt dann noch die Qualle um die Ecke und setzt sich zu uns ins warme – die anderen drei Mädels trinken ihr Erholungsbierchen draußen. Wir… oder eher Dani, geben ihr ein Glühwürmchen aus. Als Dank offenbart Qualle ihren Männerkatalog um Jule unter die Haube zu bringen. Leider beinhaltet er v.a. einfach jeden Kerl der irgendwie grade in Sichtweite und nicht unbedingt erste Wahl ist. Gerade als es interessant wird, und sie von Finnen in ihrem Katalog erzählt, verlassen uns Qualle und Dani. Denn Qualle hat Ingrid und Dani so lange genervt, bis beide zugestimmt haben, dass sie ins Helgoländer Schwimmbad darf – mit Dani. Leider wird das für unsere werdende Mutter aber auch nicht gerade entspannender als die Düne, denn das Wetter bleibt weiterhin phänomenal windig und das Becken wird nicht gerade großzügig beheizt. Aber nun ist auch genug mit Kultur!

Jule und ich bleiben noch für eine Weile auf der Insel. Wir gucken uns nochmal den Felsen an der Mole an, besuchen Johnnys Hill, suchen vergeblich nach der Schildkröte und dem Goldfisch im Dünenteich und lesen bedächtig die Aufschriften am Friedhof der Namenlosen. Ornithologisch erfreuen wir uns über einige Neufunde auf der Insel – neben dem Meerstrandläufer:
Elster, Krickente, Graugans.
Weniger freuen wir uns darüber, dass auf der Mitte der Düne mittlerweile etwa 50 kleine, eng aneinander gebaute Ferienhäuser stehen – zu denen auch massig Leute mit Rollkoffern anreisen. Sicher müssen die Leute hier von etwas leben, aber muss man auf dem kleinen Naturwunder Helgoland alles so anthropogen vollmüllen?
Schließlich nehmen wir eine Fähre zurück und gehen ins Labor.

Helgoland Panorama

Dort hat sich Wolfgang ausreichend erholt, um sich über die dortigen Zustände zu echauffieren. Aus Erfahrung gehen wir zwei daher erstmal in die Küche und trinken einen Aufwärmtee.

Danach setzte ich mich an die Auswertung der gestrigen Algenkartierung. Ich hatte mich freiwillig dafür gemeldet, weil ich ja dank der Superduper-Wathose an diesem Geschehen sonst nicht teilgenommen habe. Ferdi kommandiere ich dazu ab, die GPS-Daten auszuwerten, was aufgrund verschiedener GPS-Formate erst einmal Verwunderungsmomente bzw. kurzzeitige Verzweiflung schafft – die Nipptide war gut, aber nicht so gut, dass wir 5 km nördlich der Insel hätten kartieren können.

Außenseiter Robbe

Um 18:00 Uhr tigern wir ausgehungert zur Jugendherberge. Leider haben gerade offiziell die Osterferien angefangen und daher ist die Herberge plötzlich voll mit einer Horde Kindern und nicht unbedingt kompetenten Eltern und Erziehern. Angesichts der Besuchermassen hat das Küchenteam sich dazu entschieden panikartig alles zu kochen was noch da war:
Nudeln mit Gulaschsoße oder Reispfanne, dazu Salat und für hinterher und eigentlich auch nur für uns ein Nachtisch. Jedes erwähnte Gericht ist immer nur kurze Zeit vorhanden, so reicht mein eigenes Zeitfenster gerade so für etwas Gulasch – wie durch ein Wunder finde ich einen Nachtisch, aber Salat ist nie da, wenn ich gucke.

Nach dem Essen halte ich im Labor endlich den schon mehrfach erwähnten und veröffentlichten Geologie Vortrag und liefere danach noch den Felswattbericht bei Ingrid&Lea ab. Zuletzt ziehe ich noch den seltsamen Stein von der Düne hervor und zeige ihn nicht besonders davon überzeugt bei Ingrid vor.
Aber Heidewitzka, es ist ein Fossil. Wir brauchen zwei Bücher um drauf zu kommen was: Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen kreidezeitlichen Schwamm. Für eine genauere Bestimmung müsste ich mich aber auf die Suche nach einem Paläontolgen machen.

Fossiler Schwamm Feuerstein

Schließlich machen wir Feierabend und gehen zurück zum Gästehaus. Dort verköstigen wir Danis Porno-Schokokuchen, der in Kombination mit dem Schwimmbadbesuch entstanden ist. Er ist als Entschuldigung für Missverständnisse für einen Teil der restlichen Mannschaft gedacht und ein Gedicht…

Ferdi kommt dann nochmal mit uns aufs Zimmer. Der Quatschlevel ähnelt dem vergangener Tage. Je später es wird, desto abstrusere Zeiten rechnen wir uns zum Aufstehen am nächsten Morgen aus – denn heute werden die Uhren umgestellt.

Bett nei…. irgendwann.