Dienstag, 2. Juni 2015

Helgoland Exkursion 2015, Inseltag 2

Um 4:30 Uhr klingelt der Wecker, den ich tatsächlich mal wieder höre. Aus Trotz bleibe ich trotzdem noch einmal 20 Minuten liegen. Gegen 5:15 Uhr erreiche ich schließlich den Gemeinschaftsraum, wo uns heute auch Dani mal wieder mit ihrer Anwesenheit beehrt.

Noch bevor wir die Fitnessclub-Treppe bestiegen haben, beobachten wir, wie die Offshore-Park-Flotte, voll mit schwer attraktiven norwegischen Seemännern gen Horizont zu den blau und rot blinkenden Schweinswalen fährt.

Fitnessclub Treppe

Oben auf den Felsen entdecken wir auch eine >10-Vögel-Flotte von Tordalken. So viele auf einmal hatte ich noch nie gesehen – sonst haben wir uns gefreut, wenn wir auch nur einen, versteckt zwischen den Felsen, entdecken konnten. Tordalk und Trottellumme sind derselben Familie zugeordnet und sich dementsprechend ähnlich. Doch hat der Tordalk einen kräftigeren Körperbau und Schnabel. Letzterer ist durch eine weiße Linienzeichnung, die mit einer Linie bis zum Auge reicht, aber gut von der Trottellumme unterscheidbar. Weil man sich morgens nur die Finger schwarz friert, habe ich aber leider kein Flotten-Foto.

Am Vogelfelsen wird es heute gefährlich: Ein neues Tölpel-Paar hat sich unfern des Zaunes ein Plätzchen gesucht. Das Weibchen sitzt wie eine brave Hausfrau auf ihrem zukünftigen Nest und alle paar Minuten kommt ihr noch viel braverer Gatte mit angenehm riechenden Nistmaterial daher. Nur doof, dass der Wind so kommt, dass er von der “Menschenseite” her anfliegen muss. So knallt uns an diesem Morgen mehrfach der 3 kg schwere Vogel, dessen Flügel eine Spannweite bis zu 1,80 m haben können und der und im Normalflug schon 65 km/h fliegt, beinahe an den Kopf.

Pünktlich zum Frühstück kehren wir zum Gästehaus zurück. Danach wird sich wattgerecht bekleidet, Eimer, Helme, Plastikbeutel, Falcon-Tubes, sonstige Gefäße und vor allem GPS-Gerät und Zählrahmen eingepackt und zum Felswatt im Norden der Insel marschiert. Ich teste meine Wathose, noch einmal in einer Knie tiefen Pfütze aus, in der die erste Socke in normalen Stiefeln schon wieder nass geworden wäre. Die Wathose eignet sich auch ausgezeichnet, um Teile der oben beschriebenen Ausrüstung im Brustbereich zur transportieren. Wahrscheinlich fühlt sich ob des Aussehens dieser Transportmethode Dani auch nicht mehr so alleine Zwinkerndes Smiley. Ein kleines Gruppenfoto noch und auf geht’s in Neptuns Reich.

Helgolandexkursion 2015 Erlangen

Eine Woche vor der Helgolandexkursion war ja eine partielle Sonnenfinsternis vorgekommen, die v.a. in Frankreich extreme Springfluten mit sich gebracht hatte. Eineinhalb Wochen später hatten wir dagegen gerade am letzten und hier beschriebenen Tag eine hervorragende Nipp-Tide. Deswegen und wegen der Wathose kam ich so weit auf das Felswatt hinaus wie noch nie – allerdings ist mir dabei nichts allzu neues aufgefallen.

Das schon zu genüge hier erwähnte glamouröse Kleidungsstück ermöglichte mir außerdem, mich vom Hauptgeschäft der Gruppe – Algen kartieren – abzusetzen, während die arme Gummistiefel-Jule mit dem GPS gar nicht auf Entdeckung gehen durfte. Das tut mir noch immer schrecklich leid.

Algenkartieren

Die Algenkartierung lief folgendermaßen ab: Auf ungefähr gerader Linie wurde alle paar Meter ein Zählrahmen mit 5x5 Zählquadraten auf den Boden abgesetzt. Die Stelle wurde mit dem GPS-Gerät festgehalten und dann möglichst von oben mit der Kamera ein Foto geschossen. Dann wurden in 5 Zählquadraten alle aufgefundenen Algen dokumentiert. Dabei muss man aufpassen, dass keine Algen, die außerhalb des jeweiligen Zählquadrats verankert sind, mitgezählt werden. Am letzten Zählpunkt ist das Wasser so tief, dass Super-Wathosen-Tina zur Hilfe gerufen wird.

Portal zum Vogelfelsen

Nach der Zählaktion dürfen wir endlich hinter der langen Anna wieder an Land gehen. Wer zur Mole will, muss über von Tangfliegen umschwirrte, vertrocknete Algen steigen. An Gerüchen mangelt es im Norden der Insel ohnehin nicht. Wir schleichen uns wieder durch die Höhlung unter den Vogelfelsen. Die Akustik ist wie immer atemberaubend.

Mir fällt wieder in der Felswand eine anthropogene Mauer auf. Was da wohl dahinter ist? Während ich darüber nachdenke fliegt ein Stück Dreizehen-Möwen-Kacke an meinem Kopf vorbei. Zeit weiterzuziehen!

Mysteriöse Mauer HelgolandLange Anna von der Mole aus

Auf dem Rückweg entdecke ich in den Tangbergen noch einen toten Kormoran. Der fehlt noch in der Erlanger Vogelschädel-Sammlung. Scheiß auf Handschuhe, ich nehme das Vieh einfach so an der Wirbelsäule hoch. Ingrid packt den Kopf mit einer ersten Plastiktüte, dreht bis er abknackt und verstaut ihn in einer zweiten Plastiktüte. Das Abendessen ist gesichert!
Andersherum gehend kommt der Schutthaufen, der beim Abbrauch des Windrosen-Aussichtspunkts runtergekomme ist, noch mehr zur Geltung (Das Foto findet Ihr hier).

Wieder im Gästehaus werden geschäftig angelieferte Nahrungsmittel hin und her transportiert, sich der Wattklamotten entledigt und verschwitze Kleidung ausgetauscht. Im Labor werden die heute eingepackten Tiere versorgt. In meinem Fall eine alleinerziehende Nereis-Mutter (vllt. diese Art) mit ihrem grünen, ballförmigen Laich. Leider habe ich wieder kein Foto gemacht. Das Mittagessen wird im Labor-Gemeinschaftsraum eingestrudelt, leider ohne Wolfgang, der bleibt im Bett.

IMG_0109

Dafür gibt es aber nochmal eine ordentliche Portion Freizeit. Die mittlerweile wieder entgrummelte Jule und ich nutzen sie, um an den “Steg” hinter der Jugendherberge zu wandern, wo wir einige Eiderenten (Bild oben) und Sanderlinge finden. Im Sand neben dem Steg malt ein Künstler mit Fingerfarben die hier schön zu sehenden Felsen.
Dani’s Würmchen ist in der Zwischenzeit unartig und verschafft ihr einen extremen Migräneanfall.
Wir watscheln also weiter zu zweit bis zum Westwatt, wo wir endlich auch mal eine Bachstelze und tatsächlich auch einen Zilpzalp entdecken – letzterer war aber ganz leise, so dass wir ihm erst am Computer mit Vergrößerung und mithilfe des Svensson-Vogelführers auf die Schliche kommen. Außerdem entdecken wir:

IMG_0136Ein Getränk extra für Jule,

IMG_0134diese vorwurfsvolle Silbermöwe, und

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eine Rotdrossel mit beachtlichem Stuhlgang.

Zurück im Labor hält Lea den Vortrag über Algen, den wir sonst immer von Manfred Kraml hören durften. Allzubald ist dann auch schon wieder Essenszeit in der Jugendherberge. Es gibt in reichlich Fett gebadete panierte Scholle mit Pellkartoffeln und Remoulade. Wolfgang scheint es wieder besser zu gehen, er kann sich sogar wieder gegen ungeheuerliche Angriffe wehren. Aber immer noch sichtlich angeschlagen begleiten er und Dani uns nicht mehr zur abendlichen Laborsession.

Dort hören wir einen weiteren Vortrag von Sarah über Meeressäugetiere in Deutschland – davon würden wir am nächsten Tag ja schließlich endlich welche aus der Nähe erblicken. Ich biete mich mit dem Geologievortrag auch noch an, aber Ferdi hat keine Lust mehr, also ziehe ich meinen Vorschlag galant zurück.

Stattdessen wollen es alle nochmal probieren, “Findet Nemo” zu gucken. Bin mit Jule einer Meinung: Es gibt keine Clownfische auf Helgoland, also wollen wir das auch nicht sehen. Ich gehe schließlich aber doch alleine rüber und hau mich in die Falle.

Vielen Dank an Dich, werten Leser, dass du reingeschaut hast.
Dein Tinschän

Bämm!

Nix mit Schlafen. Jule und Ferdi rücken im Doppelpack an. Bevor sie ins Zimmer kommen, wollen sie mich durchs Fenster ärgern – unglücklicherweise standen sie aber wohl vor dem falschen. Man wird nie erfahren, welches es war und was sie dort gemacht haben.
Es bleibt auch bis heute unklar, ob sie mich wirklich geweckt haben. Bei dem was mir erzählt wird, was ich alles so von mir gegeben habe, kann es sich eigentlich um keine Art von Wachzustand gehandelt haben. Ich erinnere mich nur, dass ich mich mehrfach demonstrativ aber offenbar zu unklar als Posthörnchenwurm gebart habe. Die anderen beiden zogen sich als gerechte Strafe Lach-Bauchschmerzen zu.