Sonntag, 26. April 2015

Helgoland Exkursion 2015, Erste Etappe: Wilhelmshaven (3)

24.3.2015, 5:05: Bett naus (Geobotanik-Zirkel-Gedächtnisfloskel)

Jule, Ferdi und ich sind für den Frühstücksdienst eingeteilt. Wir decken luxuriös auf aber niemand kommt.
Faules Pack! Schläft einfach noch 2 Stunden weiter! Also gehen wir noch einmal draußen spazieren, bis die werten Herrschaften gegen Mittag, also 7:20 Uhr langsam im Gemeinschaftsraum eintröpfeln.

Wir sehen diesen Morgen: Buchfink, Rabenkrähe, Ringeltaube, Lachmöwe, Silbermöwe, Austernfischer, Nilgans, Kegelrobbe, Fledermaushund, Kormoran.

WatthoseNach dem Frühstück geht ein Teil des Trupps – es ist Ebbe – mit Wolfgang direkt vor der Unterkunft runter aufs Watt. Wir brauchen dringend mehr Wattwürmer, denn Wattwürmer sind toll.

Danach wurden Gummistiefel und Wat(t)hosen wird sauber gemacht und dekorativ am Tor zum Deich platziert.

Ich selbst habe in der Zeit ganz bestimmt kein Nickerchen gemacht sondern ausschließlich Fotos im Labor gemacht und mein Tagebuch weitergeführt. Jule dagegen war noch einmal mit dem Fernglas unterwegs.

 

Um 10:00 Uhr bekommen wir Besuch von einer ehemaligen Erlanger Studentin (aber Richtung Geologie), die jetzt bei Senckenberg in der Tiefseeforschung mitmischt. Sie erzählt uns von Kalkstein-auflösenden Organismen. Dazu gehören neben Bohrschwamm und Bohrmuscheln v.a. auch Pilze. Nehme mir daher wieder mal vor, mich wieder mit halophilen Pilzen zu beschäftigen. Dank Unibusiness bin ich bis heute nicht nennenswert dazugekommen.

Senckendorf-Unterkunft Speiseraum

Bohrgänge der genannten Organismen kann man sichtbar machen, indem man einen Tomographie-Scan durchführt. Dann hat man ein digitales, dreidimensionales Bild und kann anhand des Gangdurchmessers bestimmen, welcher Organismus für welchen Gang verantwortlich ist. Mehr zum Anfassen ist eine andere Methode, bei der so ein durchlöcherter Kalkstein mit Epoxidharz in einer Vakuumatmosphäre ausgegossen wird. Der Kalkstein wird anschließend mit Säuren aufgelöst. Als Anschauungsmaterial hat sie für uns Kalksteine mitgebracht, die 1 Jahr, 7 Jahre und 14 Jahre in der Tiefsee versenkt wurden. Leider habe ich kein Foto für Euch, aber stellt euch bei dem 14 Jahre alten Stein einfach ein komplett durchlöchertes Gebilde vor. Mit wenig Muskelkraft hätte man den Stein einfach auseinander brechen können.

Zu Mittag haben u.a. Lea, Basti und Jean (hihi) ausgezeichnetes Gemüse mit Reis in Thai-Curry-Soße gekocht – hat genauso geschmeckt wie bei dem Asia-Imbiss auf dem Hallenser Marktplatz, wo ich gerne mal vorbeigucke. Aber das war nur das Vegetarieressen. Man konnte stattdessen noch zwischen Scholle oder Hühnchenschnitzel mit italienischem Gemüse und Kartoffel mit Quark wählen.

Carcinus maenas Strandkrabbe

Nach dem Mittagessen geht es wieder ins Wattenmeerhaus. Dort bekommen wir im Wesentlichen nochmal dasselbe Programm, das Ferdi, Jule und ich schon 2013 bekommen hatten. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um einen “Stationenlauf” – an jedem Tisch findet man ein anderes Thema vor, z.B. der Unterschied zwischen einer Strandkrabbe und einer Schwimmkrabbe. Hier dürfen auch Kinder schon lernen, das Seepocken im Verhältnis zu ihrer Körpergröße den längsten Penis im Tierreich besitzen.

Außerdem führt uns Roger in einen Raum, der vor zwei Jahren noch ein Labor war. Jetzt ist es ein Raum mit Laborlayout, wo auf jeder Oberfläche stapelweise irgendwelches Unterrichtsmaterial liegt. So z.B. Karten mit Mythen und Sagen aus der Gegend sowie ein Angelspiel mit einer Magnet-Angel und damit angelbaren Karten, auf denen Fische, die jeweilige Fangmethode, der Schutzstatus und ein typisches Gericht abgebildet sind. Am besten gefällt mir ein Lied: “I like the wadden sea” auf die Melodie von “I like the flowers”. Toll ist auch ein ziemlich weit ausgearbeitetes Diskussionsspiel Naturschützer vs. Fischereiindustrie vs. Tourismus. Erinnert mich an diverse Fantasy-Adventures wo die Figuren im Spiel Fantasy-Fantasy-Rollenspiele spielen, also z.B. als Charakterklasse Anwalt oder Müllmann wählen.

Als wir aus dem Programm entlassen werden, hat das Museum nur noch 15 min geöffnet. So rennt man mehr oder weniger das Museum ab und wird vertröstet, man könne ja mal wieder vorbeikommen.

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Programm aus Kathas Folterhaarstudio. Rechts Fischgrätenzopf extrem; links Zopfmodell “Haltere”. Kommt besonders gut gleichzeitig.

Da wir immer noch Küchendienst sind und demnächst das Abendessen ansteht, fahren wir dieses Mal mit dem Bus zurück um Zeit zu gewinnen. Im Wesentlichen sollen mit dem Abendessen Reste vernichtet werden. Es sind noch Bolognese-Soße vom Vortag und viele Kartoffeln vom Mittagessen übrig. Für mich ist die Lösung klar: Kartoffeln in Scheiben schneiden, in einen großen Trog und dann Soße und Käsereste drüber. Die Vegetarier nehmen sich das Gemüse vor und alles ist weg.
Aber das ist nicht fein genug für verwöhnte Studentengaumen und so gibt es klassische Bratkartoffeln und frisch gekochte Nudeln für die Soße.

Sehr bald nach dem Abendessen wollen wir zu einem weiteren Tiefseevortrag aufbrechen. Allerdings habe ich immer noch oben zu sehende Fischgrätenzöpfe und möchte dann doch etwas… ansehnlicher dort auftauchen. Gerade so schaffe ich es, die Dinger aufzutrennen und renne dann mit Bürste in der Hand runter zum Labor. Das ist schon zugesperrt. Ich habe nur mein Eingeweide-Tshirt an (und Hose und Schuhe Smiley) und sonst sind alle meinen warmen Sachen dort drin. Also renne ich so weiter zum Bus, ist ja nur annähernd an 0°C. Während wir zu einer Art Gründerzentrum fahren, bändige ich meine Mähne.

Jacques Picard und Don Walsh (Wikipedia)Der Vortrag ist echt super. Zur Einführung gibt es einen Abriss der Tiefseeforschung, von den ersten Ubooten bis zu Jacques Picard, der als erster Mensch im Marianengraben bis in eine Tiefe von fast 11.000 Metern hinabgetaucht ist. Dann folgt die eigene Forschung, als Einstieg eine Anekdote, die auch vom Spieltrieb von Wissenschaftlern kündet: Vom Forschungsschiff aus wurde eine Vorrichtung mit folgenden Gegenständen in eine Tiefe von 5000 Metern (also Druck von 500 bar) herabgelassen: Glühbirnen, Bierflaschen (voll), Eier. Bevor Du weiterliest, mach Dir doch ein paar Gedanken, was damit wohl passieren könnte.

Genug Gedanken gemacht? Na denn:


Die Glühbirnen sind unter dem Druck geplatzt, nicht einmal das Gewinde war noch auffindbar.
Der Deckel der Bierflasche wurde vom Druck verformt, er wurde bis in den Hals gedrückt. Dadurch war er nicht mehr ganz dicht und Salzwasser strömte ein. Die Flasche an sich bliebt intakt – aber nur einige Minuten als sie sich wieder auf dem Schiff befand. Das Bier-Salzwasser sprengte schließlich das Glas – leicht riskante Angelegenheit.
Die Eier schließlich blieben komplett intakt. Dies haben sie der Tatsache zu verdanken, dass sich der gelartige Inhalt aus Eiweiß, Fett und sonstigen Substanzen nicht noch weiter komprimieren lassen. Außerdem ist die Schale porös (sonst würden Küken darin ersticken) und so wirkt darauf nicht allzu viel Druck ein. Daher konnte die Schiffscrew aber auch beim nächsten Frühstück Frühstückseier genießen, die man kein bisschen mehr salzen musste.

Ansonsten befasst sich die Arbeitsgruppe mit Ruderfußkrebsen – beispielsweise wurden in der Tiefsee an nur einer Stelle doppelt so viele neue Ruderfußkrebsarten gefunden als bis zu dem Zeitpunkt weltweit beschrieben waren. Wichtig ist diese Forschung aktuell vor allem im Bezug auf Manganknollenfelder. Denn bevor man so ein Manganknollenfeld guten Gewissens ausbeuten kann, sollte man zumindest vorher untersucht haben, wie gut oder schlecht sich das dortige Ökosystem von dem Eingriff wieder erholen kann. Angesichts dessen, dass wir den Mond besser untersucht haben als die Tiefsee wäre das nur anständig. Zum Abschluss gäbe es eigentlich ein Buffet – wir werden noch gewarnt, dass es Tiefseekrebse gäbe, die genauso aussehen wie Cocktailtomaten – aber wir sind ja eh mehr als gut genährt für diesen Tag.

Ich ertrage stoisch die Kälte bis wir wieder in den Bus hineinkommen und werde dann auch noch in selbige zurückgeschickt, um “zuhause” das Tor zum Parkplatz zu öffnen. Wie genau das geht, erklärt man mir erst als ich schon draußen bin. Aber mir friert das Hirn ein und so muss die Jule auch noch raushüpfen um mir zu helfen. Ob meines Misserfolges muss ich den Rest auch noch laufen. Das Leben ist hart.

Bis wir ins Bett können, wird noch mehr oder minder gut koordiniert gepackt. Ich habe zwar wieder Zugang zu warmen Sachen, aber mittlerweile bin ich abgehärtet und schleppe Koffer weiter im Tshirt hin und her. Im Labor bewährt sich wieder die Taktik “Doof rumstehen bis einem jemand Arbeit zuweist”, sonst macht man nur wieder was falsch.

Irgendwann zu spät abends geht es endlich ins Schlummerland.

PS: Das faule Pack mit dem feinen Studentengaumen war übrigens eine mir sehr ans Herz gewachsene Truppe und soll sich dadurch bitte nur belustigt fühlen Zwinkerndes Smiley

(Jetzt erst eingestiegen? Hier gehts zu Teil 1)

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